Zarah & Zottel – Ein Pony auf vier Pfoten

Als wir 1989 aus ländlicher Ruhrgebietsidylle an den Niederrhein gezogen sind, haben meine Eltern es geschafft, den bevorstehenden Umzug als Abenteuer darzustellen. Meine Geschwister und ich haben uns gefreut und höchst motiviert die Schätze aus dem Kinderzimmer in Kartons gepackt. Alles war wunderbar, bis nach den Sommerferien der erste Schultag vor der Tür stand. Über die Tatsache, dass wir in der Schule plötzlich die bzw. der Neue sein werden hat keiner von uns nachgedacht. Die neugierigen und bisweilen auch ablehnenden Blicke in den ersten Tagen wird wohl keiner von uns vergessen.

In der herrlich unkonventionellen Vor- und Selbstlesegeschichte von Jan Birck, erfährt die unternehmungslustige Zarah in der neuen Umgebung zunächst eine mehr als deutlich vorgetragene Ablehnung. Hubert und die anderen Kinder im Hof reklamieren das Terrain für sich und Zarah trottet enttäuscht zurück in die Wohnung. Die Mutter, ein Multitalent im Benutzen von Bohrmaschine und anderen Gerätschaften, rät der Tochter zu einem erneuten Versuch der Kontaktaufnahme. Dieser gerät allerdings vollkommen anders, als Mutter und Leser sich vorstellen. Zarah beschließt einen vierbeinigen Freund zu suchen. Ein Pferd, besser noch ein Pony, denn das ist handlicher und passt auch in den Aufzug. Wer nun glaubt, der Wunsch stelle sich als Hirngespinst heraus, irrt. Die fidele Zarah findet im „Laden für alles“, tatsächlich ein Pony, Die frappierende Ähnlichkeit mit einem Hund wird erfolgreich ausgeblendet und es dauert auch nicht lange, bis Pony Zottel und die stolze Besitzerin in einer blitzschnell durchgeführten Rettungsaktion nicht nur Huberts, sondern auch die Herzen der anderen Kinder gewinnen. Dass der Ladenbesitzer sich mit  – von den Kindern zusammengelegten – € 6,50 für den Ponyhund begnügt und die Mutter als alleinerziehende Notärztin aufgrund des Umzugs gerade kein Geld für ein Tier übrig hat, macht die einzelnen Figuren noch sympathischer.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 6 Jahre.

Birck, Jan: Zarah & Zottel – Ein Pony auf vier Pfoten, Sauerländer Fischer, 2017, € 9,99.

 

Weck bloß Tiger nicht auf!

Das illustriertes Papier mit ein bisschen Text zwischen zwei Buchdeckeln ohne elektronischen Schnickschnack so intensiv   interaktiv sein kann, dass man als lesende und betrachtende Person das Gefühl hat, die Seiten erwachen zum Leben, ist spätestens seit dem Erscheinen des Mitmacht Buchs von Hervé Tullet bei lesebegeisterten großen und kleinen Buchguckern bekannt. Um weitere gelungene Beispiele für ein aktives Miteinander zwischen Buch und Lesenden zu nennen, reichen die Finger an einer Hand kaum noch aus. Um so erfreulicher ist es, wenn der bestehende Buchreigen durch eine weitere ausgesprochen gelungene Neuerscheinung bereichert wird.

Britta Teckentrup lässt uns die Bekanntschaft mit dem schlafenden Tiger machen. Gut sichtbar liegt er da in seiner ganzen Pracht und schläft tief und fest. Von links schauen Storch, Fuchs, Maus, Frosch und Schildkröte betreten ins Bild. Der Blick – wie sollte es anders sein – ist auf den schlafenden Tiger gerichtet. Das Problem liegt auf der Hand. Tiger liegt im Weg. Genau da, wo der gestreifte Kerl sein Schläfchen hält, müssen die anderen Tiere vorbei, ohne den Schlafenden dabei aufzuwecken. Diese schwierige und anspruchsvolle Aufgabe kann natürlich nur mit Hilfe der Lesenden gemeistert werden. Die müssen ganz schön mutig sein, ich für meinen Teil habe ganz schön geschwitzt, als ich die Nase des Tigers gestreichelt habe. Kaum war diese Hürde genommen, musste ich dem Fuchs helfen, auf einem Luftballon über Tiger hinweg zu fliegen. Um den stattlichen Fuchs über den Tiger zu befördern, braucht man ganz schön Lungenvolumen. Der Ganzkörpereinsatz lohnt aber auf jeden Fall. Am Ende der Strapazen wartet nämlich eine tolle Überraschung.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 3 Jahre.

Teckentrup, Britta: Weck bloß Tiger nicht auf!, annette betz, 2017, € 14,95.

William Wenton und die Jagd nach dem Luridium

Alles was technisch, rätselhaft und nicht auf den ersten Blick verständlich wirkt, übt eine geradezu magische Anziehung auf William aus. Ohne es zu wissen, hat er von seinem – vor acht Jahren verschwundenen – Großvater eine besondere Fähigkeit geerbt. Mühelos kann der Junge die schwierigsten Codes knacken oder technische Gimmicks nur durch genaues Anschauen nachbauen. Mit seiner überaus schnellen Auffassungsgabe und dem kaum zu unterdrückenden Drang den Dingen auf den Grund zu gehen, eckt William in der Schule allerdings immer wieder unfreiwillig an. Sein Klassenlehrer Herr Humburger hat ihn regelrecht auf dem Kieker und seine Eltern sind regelmäßige Treffen und Telefonate mit dem Rektor schon gewohnt. William weiß, dass er nicht auffallen darf, schließlich sind er und seine Eltern Inkognito, d. h. unter falschem Namen in Norwegen. Warum genau, verraten die Eltern dem Jungen nicht.

Erst nachdem William, vollkommen unfreiwillig, bei einem Ausstellungsbesuch den schwierigsten Code der Welt entschlüsselt, kommt er nach und nach dem Geheimnis seiner Vergangenheit und dem wahren Grund seiner außergewöhnlichen Begabungen auf die Spur.

Robbie Peers hat eine sympathische Figur geschaffen, die in dem Bemühen sich möglichst unauffällig zu verhalten oftmals genau das Gegenteil erreicht. Die natürliche Neugier des vielseitig interessierten Jungen, manövriert ihn immer wieder in unangenehme Situationen. Dennoch gibt William nicht auf und verfolgt konsequent sein Ziel das Geheimnis um das Verschwinden seines Großvaters zu lüften. Hierbei ist ihm nicht nur die loyale und pfiffige Iscia, sondern auch eine Vielzahl witziger und schräger Roboter eine Hilfe.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 11 Jahre.

Peers, Bobbie: William Wenton und die Jagd nach dem Luridium, Carlsen, 2017, € 14,99.

 

 

Mach dein eigenes Alien Abenteuer

Als Kind faszinierte mich die Möglichkeit in ein Buch zu malen genauso, wie sie mich abschreckte. Von meiner Mutter hatte ich eine Kinderbibel bekommen, in der auf der linken Seite immer eine Bibelgeschichte stand und auf der rechten Seite war bei jeder zweiten Geschichte anstelle des Bildes eine große gerahmte Fläche zum selber Malen. Die Angst, dies besondere Buch zu verunstalten war durchaus berechtigt. Das hochwertige, leicht beschichtete Papier vertrug sich mit den Buntstiften nur sehr bedingt. Ein gleichmäßiger Farbauftrag war kaum möglich und somit kam das Projekt nicht über das Anfangsstadium hinaus. Erfolgreicher waren die Versuche in der wunderbaren Malschule von James Krüss. Der Bleistift glitt geschmeidig über das Papier und lediglich die Erkenntnis die einfach wirkenden Figuren nicht in Null Komma Nichts auf das Papier zu bringen, bremsten den anfänglichen Enthusiasmus.

Als ich mich nun in die skurile Mischung zwischen Geschichte und Mitmachbuch von Andrew und Chris Judge vertiefte, hatte ich Mühe, den sehr konkreten Anweisungen auf jeder Seite nicht Folge zu leisten. Die Geschichte des kleinen Aliens, der mit seinem Raumschiff unfreiwillig auf einem Schulhof landet und unschuldig durch das Fenster in einen Klassenraum schaut, ist herrlich schräg. Die kreischende Frau Rotstift in ihrer Rolle als Lehrerin ist eine wahre Freude, genauso wie die neugierige Karla Kritzel. Ohne nachzudenken nimmt sie die Verfolgung des ungewöhnlichen Besuchers auf und rast los. Bevor sie durch das Schultor geht, muss sie sich aber noch schnell eine Genehmigung zum Verlassen des Schulgeländes holen. Wir als Lesende müssen das auch. Ist das geschafft, kann das Abenteuer richtig losgehen und mit unseren Zeichenbeiträgen sind wir unmittelbar ein Teil davon.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 8 Jahre.

Judge, A. und C.: Mach dein eigenes Alien Abenteuer, Gulliver, 2017, € 9,95.

Die Schule für kleine Hunde – Polly und der Wurstdieb

Die Zeiten, in denen sich Hunde ungestört durch die Welt schnüffeln konnten, sind vorbei. Schlafen, fressen, der Nachbarkatze oder dem Kollegen auf der Hundewiese hinterher jagen, sich genüsslich in einem unscheinbaren Häufchen Dreck wälzen und sich diebisch über den tollen neuen Körperduft freuen, sind Dinge, die der weltgewandte Vierbeiner allenfalls in seinen Träumen genießen kann. Hundemädchen Polly gibt uns einen kurzweiligen und spannenden Einblick in den modernen Hundealltag. Vergnügt macht sie sich jeden Morgen auf den Weg in die Schule, schließlich will sie auch so ein erfolgreicher und unerschrockener Polizeihund werden wie ihr Vater und ihre Mutter. Gemessen an ihrem tatkräftigen Einsatz auf dem Schulweg, stehen die Aussichten mehr als gut, dass Polly in naher Zukunft offiziell für Recht und Ordnung eintreten kann. Leider führt ihr Engagement für das kleine Mädchen, dessen Teddybär verloren gegangen ist und der netten alten Dame, die beim Überqueren der Straße dringend Hilfe benötigt, erst einmal nicht zum gewünschten Erfolg. Die konkrete Anwendung des Schulstoffs im Alltag, verzögert Pollys Eintreffen in der Schule beträchtlich. Zu allem Überfluss glaubt man ihr den Grund für die Verspätung nicht und von der wichtigen Prüfung wird sie an dem Tag auch ausgeschlossen. Was als nette Hundegeschichte beginnt, wendet sich unversehens zum Hundekrimi. Polly muss ihren ganzen Scharfsinn und Mut aufbringen, um zu beweisen, dass sie die Leckerlis, die sie zur Strafe bewachen soll nicht aufgefuttert hat. Die spannend und lustig erzählte Geschichte des quirligen Hundemädchens ist aufgrund der größeren Schrift und des doppelten Zeilenabstands sowie der zahlreichen Bilder bestens für Kinder ab Ende der ersten Klasse zum Selberlesen geeignet.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 7 Jahre.

Lewis, Gill: Die Schule für kleine Hunde – Polly und der Wurstdieb, dtv Junior, 2017, € 8,95.

 

Mississippi Bande

Schon auf den ersten Seiten dieses gelungenen Abenteuerromans spürt man förmlich die feuchtwarme Südstaatenhitze auf der Haut. Davide Morosinotto entführt uns in bester Huckleberry Finn Manier in den tiefen Süden der USA zur Zeit der Jahrhundertwende. Nicht nur die plastischen Beschreibungen des weit verzweigten Mississippi Deltas, sondern auch die authentischen Karten-, Katalog- und Zeitungsausschnitte, die in loser Reihenfolge die einzelnen Kapitel schmücken, erhöhen das Lesevergnügen beträchtlich und vermitteln das Gefühl der direkten Teilhabe. Die unglaubliche Vielzahl verlockender Produkte, die auf den Katalogseiten bestaunt werden kann, hat mir meine eigene Leidenschaft für diese dicken Wälzer in der Kindheit in Erinnerung gerufen. Fern der nächsten großen Stadt, kündeten der Quelle und Neckarmann Katalog von Verlockungen aus einer anderen Welt. Umso verständlicher erscheint der Drang, der vier wie Pech und Schwefel zusammenhaltenden Kinder etwas aus dem vielgeliebten Katalog zu bestellen, als sie die für sie schier unermessliche Summe von drei Dollar finden. Ausgerechnet diese heimlich getätigte Bestellung, ist der Beginn eines unglaublichen Abenteuers, einer Reise quer durch das Land, durch verschiedene Bundesstaaten, zunächst mit einem Einbaum, dann auf einem Dampfer schließlich mit der Eisenbahn, immer das Ziel Chicago vor Augen, um dort beim Versandhändler persönlich den falsch gelieferten Gegenstand abzugeben. Natürlich birgt die irrtümlich gelieferte Taschenuhr ein Geheimnis und führt die Kinder auf die Spuren eines Verbrechens, dessen Aufklärung bisher noch niemandem gelungen ist. Das Zusammenspiel der Stärken der vier sehr unterschiedlichen Charaktere, von denen mit Julie und Tit ein Geschwisterpaar dabei ist, verhilft schließlich der Wahrheit ans Licht und stellt gleichzeitig die Weichen für das spätere Leben der vier.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 11 Jahre.

Morosinotto, Davide: Die Mississippi Bande – Wie wir mit drei Dollar reich wurden, Thienemann, 2017, € 14,99.

Rico & Oskar – Fische aus Silber

Mit dem ihm eigenen Gespür für Situationscomic, bzw. einem über die drei Rico und Oskar Bände geschulten Auge für komische Momente im Alltag, wahrgenommen aus der unverstellten Kinderperspektive, erfreut Andreas Steinhöfel die Fangemeinde dieser einzigartigen kleinen Kerle, nun mit dem Beginn einer Comicreihe.

Zusammen mit dem Illustrator Peter Schössow ermöglicht uns Steinhöfel einen Hausbesuch in der Dieffe 93. Um alle Freunde der lecker belegten kleinen Brote, die mein Opa ebenfalls sehr filigran herzustellen wusste, aber leider nicht so eine schöne Bezeichnung dafür parat hatte, zu beruhigen, sei an dieser Stelle schon erwähnt, Müffelchen sind auch in der Comic Version ein unbedingter Bestandteil für alle Lebenslagen, in denen es um Gemütlichkeit, Wohlbefinden und Behaglichkeit geht. Vor dem Genuss selbiger sind allerdings ein paar Turbulenzen zu durchstehen. Nachdem die Müllabfuhr das von den Jungen liebevoll hergerichtete Sperrmüll-Wohnzimmer vor dem Haus in null Komma nichts dem Erdboden gleich gemacht hat, sind Rico und Oskar so eingestaubt, dass sie sich ein Bad genehmigen. Und damit fängt das neue Abenteuer erst richtig an. Abenteuer ist eigentlich nicht das passende Wort, Expedition trifft es eher. Mit dem Entdecken der wieselflinken Silberfische auf den Badezimmerfliesen, wird der Blick auf etwas sehr kleines, von dem wahrscheinlich viele Menschen behaupten, sie hätten so ein Ungeziefer selbstverständlich nicht in ihrem privaten Sanitärbereich, gezoomt und dank Oskars lexikalischen Wissen genauestens analysiert und kommentiert. Begeistert bin ich deswegen nach wie vor nur sehr bedingt von diesen auch bei mir wohnenden Haustieren, aber dazugelernt habe ich einiges. Den Kindern wachsen die glitzernden Tierchen jedoch sehr ans Herz und da die Dieffe 93 für die beiden Jungen ein tolles Zuhause ist, liegt es nahe, dass so unbescholtene Lebewesen wie Silberfische auch ein Recht auf eigene vier Wände haben.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 8 Jahre.

Steinhöfel, Andreas: Rico & Oskar – Fische aus Silber, Carlsen, 2017, € 9,99.

Wer hat Angst vorm schwarzen Gespenst?

Hart ist das Gespensterleben. Marti lebt allein im Waschsalon und das größte Vergnügen für ihn ist ein Bad im 30-Grad-Programm mit anschließendem Schleudergang. Was Kuschel- und Haustieren bekannter Maßen nicht gut bekommt, ist für das kleine Gespenst Enstpannung und Spaß pur, nur leider hat er keinen, mit dem er dies feucht-fröhliche Erlebnis teilen kann. Gespenster sind gesellige Wesen und leiden durchaus unter Einsamkeit, wenn so gar kein anderer Geist zum spuken da ist. Gesellschaft naht unerwartet mit der Wäschelieferung des Theaters. Aus der Schmutzwäsche lugt ein bunt getupftes Gespenstermädchen hervor. Luzi, ihres Zeichens Theatergespenst, ist ebenso allein wie Marti und noch dazu ohne Zuhause, denn das Theater soll geschlossen werden. Leider kann Luzi der turbulenten Freizeitbeschäftigung Martis wenig abgewinnen, vorallem als ihr Gespensterkleid im Hemdentrockner groß und größer und auch völlig unförmig wird. Martis Fazit: „Ein bisschen zickig, aber irgendwie ganz nett.“ (S. 13) Keine Frage, dass er unerschrocken hinter der empörten Gespensterdame hersaust, als diese den Waschsalon verlässt.

Im Laufe der Geschichte erleben die beiden Gespensterchen tolle Abenteuer und finden an unerwarteten Orten weitere Gefährten. Gemeinsam machen sie sich auch auf die Suche nach dem geheimnisvollen schwarzen Gespenst, das seit einiger Zeit sein Unwesen in der Stadt treibt und alle in Angst und Schrecken versetzt. Die putzigen Bilder von Susanne Göhlich machen aus der witzig und liebevoll erzählten Geschichte von Britta Nonnast ein wunderbares Vorlesebilderbuch. Ohne den didaktischen Zeigefinger zu erheben, wird das Thema Vorurteile dezent und amüsant in Szene gesetzt und wer hätte schon gedacht, dass Gespenster tatsächlich in der Wahl ihres Geistergewands auf weiß fixiert sind?

Buchtipp von Minea Süss

Ab 5 Jahre.

Nonnast, Britta; Göhlich, Susanne: Wer hat Angst vorm schwarzen Gespenst?, Orell Füssli Kinderbuch, 2017, € 12,95.

Fledereule – Eulenmaus

Neue Nachbarn kann man sich nicht aussuchen. Häufig sind sie plötzlich einfach da und nicht selten dauert es eine ganze Weile, bis man sie richtig zu Gesicht bekommt. Bei Familie Eule vollzieht sich der erste Kontakt zu den Neulingen schneller, als es der gestrengen Mutter lieb ist. Lautlos flattern Mama Fledermaus und ihre drei Sprösslinge heran, um sich just den Ast als Quartier auszusuchen, auf dem bereits die Eulen sanft schlummern. Mit der „Nachtruhe“ ist es jäh vorbei. Wenn vier Fledermäuse von unten an den Hausast von Eulens andocken, bleibt kein Auge zu. Nicht nur das Interesse sondern auch die akrobatischen Bemühungen der kleinen Eulen ist geweckt, um einen Blick auf die Unterbewohner zu werfen. Das energische Einschreiten von Mama Eule unterbindet in Windes Eile den Entdeckergeist des Nachwuchses. Man rückt näher Richtung Stamm. Ein bischen Abstand kann ja nicht schaden. Wer ein echter Entdecker sein will, lässt sich davon zum Glück nicht abhalten. Umso mehr, wenn aus dem Fledermauslager ebenfalls deutliche Signale kommen, die eine Kontaktaufnahme anstreben. Es sind jeweils die jüngsten der Familie, die sich neugierig beäugen und mutig aufeinander zugehen. Und Mut ist durchaus von Nöten, wenn man als  Eulenkind plötzlich kopfüber am Ast hängt. Das eigentliche Abenteuer beginnt aber erst mit einer Windböe, die alles durcheinander wirbelt und die Vorbehalte der Eltern buchstäblich wegbläst. Um den Nachwuchs zu retten, zieht man an einem Strang und findet zueinander. Das charmante Bilderbuch von Marie-Louise Fitzpatrick kommt ohne Text aus und erfordert beim Betrachten ein genaues Auge, dass auch die kleinen Randdetails in den Blick nimmt.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 4 Jahre.

Fitzpatrick, Marie-Louise: Fledereule – Eulenmaus, Fischer-Sauerländer, 2017, € 14,99.

 

Der alte Mann und das Meerschweinchen

Ob Ernest Hemingway den possierlichen vierbeinigen Ureinwohnern Südamerikas etwas abgewinnen konnte ist nicht überliefert. Und ob das Wortspiel in Jens Sparschuhs Titel ein amüsiertes Lächeln auf die Lippen des berühmten Literaten gezaubert hätte, wird sich ebenso wenig beantworten lassen. Unabhängig von meiner Begeisterung für die übersichtlich großen Fellknäuele, hatte ich beim Lesen die ganze Zeit ein beschwingtes Lächeln im Gesicht und ein unterdrücktes Lachen an der einen oder anderen Stelle hat mir diverse misstrauische Blicke der umsitzenden Mitreisenden im Zug beschert. Die Handlung der kurzweiligen Geschichte ist schnell erzählt. Familie Polke ist in seliger Vorfreude auf den gemeinsamen Familienurlaub am Meer. Bei der Durchsicht der Reisepapiere stellt sich jedoch einen Tag vor der Abreise heraus, dass Haustiere nicht erlaubt sind. Die Not ist groß, eine Lösung muss her und zwar schnell. Kurzentschlossen prüft Angelina die Haustierbetreuungsqualitäten von Nachbar Möhring. Das der schüchterne und zurück gezogen lebende Witwer in seiner unbeholfenen Art die Frage nach Haustieren mit „Ja“ beantwortet und dabei die Stubenfliege und Spinne in der Zimmerecke im Blick hat, kann die besorgte Meerschweinchenbesitzerin ja nicht ahnen. Konfrontiert mit dem quietschenden Tier und unterstützt von dem wunderbar dicken Ratgeberbuch für alle Meerschweinbelange und der unternehmungslustigen Frau Waller, wächst Herr Möhring über sich hinaus und entdeckt nicht nur seine Zuneigung zu Meerschweinchen, nein er entdeckt das Leben neu und begibt sich mitsamt Tier und Herzensdame auf eine Reise, die für alle eine Überraschung bereit hält. Die witzige Geschichte ist warmherzig erzählt und richtet den Blick auf die Nöte von Groß und Klein inklusive origineller Lösungen.

Buchtipp von Minea Süss

Ab 8 Jahre.

Sparschuh, Jens: Der alte Mann und das Meer- Schweinchen, Gerstenberg, 2017, €12,95.